| chant de linos
Le „Chant de Linos“ était, dans
Maurice
Ravel
(1875-1937
Albert
Roussel
(1869 -1937)
Claude
Debussy
(1862-1918)
Andre Jolivet (1905-1974) |
Programmtext Einer der ungezählten französischen Geistesnachfahren Debussys war André Jolivet, der sein Komponieren mit nachdrücklicher Ernsthaftigkeit als Darstellung eines Kampfes zwischen Geist und Materie verstehend: «Vom technischen Standpunkt aus ist es mein Ziel, mich völlig vom tonalen System zu befreien; in ästhetischer Hinsicht ist es mein Ziel, der Musik ihre ursprüngliche Funktion in den Bereichen der Magie und der Anrufung zurückzugeben.» Magisch ist denn auch der «Chant de Linos» zu verstehen: Es handelt sich dabei um eine besondere Form des altgriechischen Threnos, der Totenklage, die durch Geschrei und Tanzen unterbrochen wurde. Die Klage gilt Linos, dem Sohn der Muse Urania, der ein Lyraspieler war und von seinem ungeduldigen Schüler Herakles mit der Leier erschlagen wurde. Charakteristisch ist die Besetzung dieser antikisierenden Lamentation: Wenn es ums beschwörend Magische ging, wählte Jolivet gern die Flöte, die er als das «Musikinstrument par excellence» bezeichnete, weil sie, belebt vom Atem, «diesem tiefsten Ausströmen menschlichen Seins», ihre Töne erfüllt mit dem, was «in uns zugleich körperlich und kosmisch ist». Claude Debussy selber schien erstaunt über die ernste, ätherische Musik, die ihm da eingefallen war, und stellte fest: «Es ist die Musik eines mir unbekannten Debussy. Sie ist erschreckend traurig, und ich weiss nicht, soll ich lachen oder weinen – vielleicht beides?» War zuvor von Klangfarbenkomposition die Rede, so findet sich hier gewissermassen eine exklusive Variante davon, welche die Farbe zusammen mit Form, Harmonik und Elementen der klassischen Sonate auf höchstem Niveau vereinigt. Die kontrastierenden Klanglichkeiten der gezupften Harfe, der gestrichenen Viola und der atmenden Magie der Flöte führen in gleichsam improvisierender Sprache zu einer unerhörten Ideenfülle. Sechs melodische Einfälle prägen den Kopfsatz, sind aber mehr fragmentarische Motive als eigentliche Themen und geben zusammen mit etlichen Tempobrüchen dem Satz eine Gestik des Episodischen. Der zweite Satz ist eine Hommage an jene Meister des 18. Jahrhunderts, die den Sonatenzyklus inspiriert hatten. Und zuletzt mündet ein Finale mit schneller, doch gleichwohl gebändigter Bewegung in eine Wiederkehr der ersten sechs Einfälle. Der Kreis schliesst sich – und Debussy hat gleichsam beiläufig den französischen Neoklassizismus vorweggenommen und diesem, noch bevor es ihn im späteren Sinne überhaupt gab, bereits eines seiner schönsten Werke geschenkt. |
Aufführende Barbara-Gabriella Bossert Flöte ![]() |
||||||